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Nr. 198, 2019, April / Mai Inhalt
 
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Astro-logische Merk-Würdigkeiten
 

Fishing for compliments
 
von Barbara Egert
 


 

Beim Fischen nach Komplimenten geht es nicht um Grösse und Schönheit der Fische, sondern um die Angst des Anglers, zu verhungern. Deshalb sind es auch nicht die Fische, es ist der Angler, der mich interessiert. Einer mit Merkur/Saturn, vielleicht auch einer mit Stier-Venus oder Stier-AC (ich kann mir Uranus nun gar nicht beim Angeln vorstellen) fischt mit Hingabe und Geduld und nimmt, was kommt, selbst so eine unscheinbare Sardine wie «Also heute siehst du wirklich etwas besser aus als gestern.» Ein vergiftetes Kompliment, denn es wird ewig dauern, bis er wieder halbwegs passabel aussieht. Ein befreundeter Löwe fischt mit Dynamit, weil sein Hunger unendlich ist, denn dank der mit Anerkennung geizenden Eltern wurde sein Manko an Selbstbewusstsein zu einem Fass ohne Boden.

Mancher fischt dermassen gierig nach Komplimenten, dass man ihm einen Rettungsring zuwirft, damit er nicht im Meer der Bedeutungslosigkeit versinkt: «Gut siehst du aus.» Aber das weckt erst sein riesiges Verlangen nach einer viel fundamentaleren Bestätigung, und es bleibt einem nichts übrig, als weiter Süssholz zu raspeln … Ein guter Angler weiss, dass es auf die Qualität der Köder ankommt. Beiläufig lässt er in einer Konzertpause den Namen «Darius Milhaud» fallen, und schon wird er überschüttet mit ehrfürchtigem Staunen: «Wie, den kennen Sie?» Lässig schiebt er noch ein «… der, wie Sie sicher wissen, mit Erik Satie und César Franck befreundet war» hinterher. Für ihn ist der Abend gerettet. Auch wer nichts von Musik versteht, verbeugt sich vor so viel Wissen. Das ist Angeln auf höchstem Niveau: nichts für gierige Fischer.

Ist es Koketterie oder Taktik – vielleicht eine kokette Löwe- oder Waage-Venus –, dass sich manche dicker machen als sie sind, nur um zu hören, wie schlank man sie findet? Man fühlt sich genötigt, ihnen zu versichern, was man nicht wirklich meint, dass sie nämlich eher zu dünn als zu dick sind. Und schon ist man selbst zum Fisch an ihrer Angel geworden. Wie soll man mit solchen Menschen umgehen, die einen zum Komplizen ihrer Unersättlichkeit machen? Vielleicht schauen, ob da Saturn einen Aspekt auf einen oder mehrere persönliche Planeten wirft und dann lieber lächelnd allwissend schweigen? Ach, könnte man doch wie ein unbefangenes Kind sagen: «Tante, du siehst aus wie zwei Lokomotiven auf einmal!»

Vorsichtig sollte man sein, wenn jemand mit «Eigentlich» beginnt und dann fortfährt: «… kenne ich mich mit Autos nicht besonders aus, aber hat nicht Maserati im Genfer Autosalon 2018 mit seiner Nerissimo Edition grossen Wirbel gemacht? Welche Elegance!» Die Fische werden auf ihn herabregnen und sein desolates Selbstbewusstsein füllen.

Tiefstapler hüllen sich in eine Wolke selbstkritischer Bemerkungen und angeln auch noch nach der allerkleinsten Anerkennung. Eine Freundin ist solch eine notorische Tiefstaplerin. Sie tut so, als sei sie zu schwach, klein, dumm, hässlich und zu dick, um auf dieser Welt überleben zu können. Dabei liegt ihr – ausser mir – fast jeder zu Füssen. Warum genügt ihr das denn nicht? Weil sie nun mal unbedingt meine Anerkennung möchte. Ich bin der Fisch, den sie verspeisen will.

Es gibt einen Hunger nach Komplimenten, der überwindet Zeit und Raum und holt sich Lob und Anerkennung selbst noch bei Gestorbenen. Mikis Theodorakis erfand in seinen Memoiren eine herrliche Geschichte, in der er ins Paris von 1900 reitet und Debussy einige Takte vorspielt, um dessen Lob zu ergattern. Er macht das so charmant, dass man sich nicht gewundert hätte, wenn er auch noch bei Beethoven vorbeigeschaut und der ihm zum «Zorbas» gratuliert hätte: göttlich oder Chuzpe oder beides?

Eigentlich sind wir alle Götter, vielleicht etwas kleinformatiger, aber ebenso begierig nach Beweihräucherung. Wäre jeder freigebiger mit Komplimenten, man bräuchte nicht im Trüben nach ihnen zu fischen. Ich kann mich nicht erinnern, von meinen saturnischen Freunden jemals mehr als ein vertrocknetes Lob gehört zu haben. So, wie diese damit knausern, überschlagen sich dagegen die mit Jupiter Gesegneten: «Also deine neue Kolumne! Einfach köööstlich!» So sehr mich das natürlich freut, so über alle Massen peinlich ist es mir allerdings auch. Ein unvergessliches Kompliment bekam mein Mann vor Jahren für seine Bilder: «Sie stören mich nicht», war das Höchste der Gefühle, das jemand aufzubringen gewillt war. Na ja, besser als gar nichts. Petri Heil!
 


Barbara Egert, geprüfte Astrologin DAV, jahrzehntelange Astrologieerfahrung; Bücher: «Astro-logische Merkwürdigkeiten – Kolumnen» (2017, nur bei Amazon erhältlich), «Wenn die Kindheit Schatten wirft: Beziehungen, Hochsensibilität, Narzissmus» (2014), «Hochsensibilität im Horoskop» (2012), «Krisen im Horoskop erkennen» (2011), «Kindheitserfahrungen im Horoskop» (2009); ständige Mitarbeiterin von ASTROLOGIE HEUTE, E-Mail: Barbara Egert

 

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