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Konferenz «Die Zukunft der Prognostik»
 
23./24. Juli 2019 – IKGF, Universität Erlangen

von Christof Niederwieser
 


 

   
     

Was können wir heute über die Zukunft sagen? Welche neuen Methoden und Techniken haben die Wissenschaften dafür entwickelt? Und wie könnte Prognostik im Jahr 2050 aussehen?

Spannende Fragen wie diese standen im Fokus der Konferenz «Die Zukunft der Prognostik – Was wir heute und morgen vorhersagen können» am 23./24. Juli 2019 in Erlangen. Organisiert wurde die Tagung vom IKGF «Schicksal, Freiheit und Prognose. Bewältigungsstrategien in Ostasien und Europa» der Universität Erlangen, weltweit eines der grössten interdisziplinären Forschungskollegs für Prognostik. Es wurde 2009 von Prof. Michael Lackner (Sinologie) und Prof. Klaus Herbers (Mediävistik) gegründet, um die Vorhersagepraktiken verschiedener Kulturen und Epochen der Menschheitsgeschichte zu erforschen. (Siehe auch Interview mit Prof. Michael Lackner in ASTROLOGIE HEUTE Nr. 200, Aug./Sept. 2019, S. 20 ff.) Bei der Konferenz gaben nun die Speerspitzen der modernen Zukunftswissenschaften Einblicke in ihre Arbeit und zeigten, welche Fortschritte ihre Disziplinen auf dem Weg zu immer exakteren Vorhersagen machen.

Im Eröffnungsvortrag «Tradition und Gegenwart der Prognostik» präsentierten die beiden Organisatoren Michael Lackner und Christof Niederwieser einige kulturvergleichende Muster aus der Prognostikforschung des IKGF. Michael Lackner arbeitete dabei einige wesentliche Unterschiede der ostasiatischen und der europäischen Tradition heraus. So ist das Konzept des freien Willens, welches die westlichen Kulturen nahezu obsessiv beschäftigt hat, in der chinesischen Kultur praktisch nicht vorhanden. Stattdessen kann man mit dem Schicksal über moralische Selbstperfektion oder Zauberei verhandeln. Er nannte zudem einige amüsante Beispiele aus der Gegenwart. So ist es selbst für Mitglieder des akademischen Kaders bis heute normal, ihre Flüge um mehrere Tage zu verschieben, wenn der Wahrsager das empfiehlt. Und so ist das Bedürfnis nach Prognose bis heute eine anthropologische Konstante.

Christof Niederwieser gab einen kurzen Überblick über Kontinuitäten, Brüche und Weiterentwicklungen der vergangenen 4000 Jahre. So ziehen sich Persönlichkeitsmodelle wie die vier Temperamente durch die Geistesgeschichte, von den Anfängen bei Hippokrates und Galen über die mittelalterliche Medizin und die Abhandlungen bei Goethe und Kant bis zu den Diagnostik-Tools im modernen Management. Dabei erfüllen Prognostik-Instrumente stets drei soziale Funktionen: Sie sind Grundlage der Planung, sie sind – vor allem wenn institutionalisiert – ein Machtinstrument und sie geben unserem Tun Sinn, vermitteln Inspiration und neue Ideen.

Dann gab Nazar Rasul, Global Head of Technology & Innovation Management bei Siemens, Einblicke in die langfristige strategische Planung des Weltkonzerns. Dafür wurde bei Siemens die «Pictures of the Future»-Methode entwickelt, eine Variante der Szenariotechnik, bei der die verschiedenen Trends und Forecasts am Ende in einer Geschichte und einem Bild zusammengefasst werden, beispielsweise «Wohnen und Verkehr in den Megacities des Jahres 2050» oder «Unterirdische Industrie 4.0 Fertigung im Jahr 2030». Auf Basis dieser Zukunftsbilder wird dann retropoliert, welche technologischen Entwicklungen dafür in der Gegenwart in die Wege geleitet werden müssen.

Manuel Mattheisen, Professor für Psychiatrische Genetik und Epigenetik am Universitätsklinikum Würzburg, erläuterte die Frage, inwieweit psychische Erkrankungen wie Schizophrenie oder Depression genetisch entschlüsselt werden können. Die Hoffnung, sie einzelnen Genen zuordnen zu können, ist dabei dem Ansatz der «polygenetischen Risiko-Prädiktion» gewichen, bei der mittels Machine Learning komplexe Korrelationen identifiziert und zu «Genetic Profile Scores» zusammengefasst werden. Die Genetik kann also bislang nur leicht erhöhte Risikowahrscheinlichkeiten feststellen. Effektiver zur Vorhersage von zum Beispiel Depressionen ist das «Mobile Sensing», bei dem Smartphone-Verhalten und die Analyse von Sprach- und Videoaufnahmen erstaunlich genaue Risikoprognosen erlauben.

Thomas Mölg, Professor für Klimatologie an der FAU Erlangen und Mitautor des fünften Weltklimaberichts der UNO, zeigte, mit welchen Parametern Klimaszenarien erstellt werden. Selbst in den optimistischen Szenarien – darin sind die Klimaforscher sich einig – wird es bis zum Jahr 2050 einen deutlichen Temperaturanstieg geben. Das Ausmass hängt wesentlich vom gegenwärtigen und künftigen menschlichen Verhalten ab, insbesondere bezüglich CO2-Ausstoss. Und so gibt es im Simulationsmodell verschiedene Szenarien, sogenannte «Repräsentative Konzentrationspfade (RCPs)». Die wichtigsten sind RCP2.6, RCP4.5, RCP6.0 und RCP8.5, welche jeweils verschiedene Vorschauen für kommende Jahrzehnte geben. Die Zukunft ist offen und gestaltbar. Klimaforscher sprechen deshalb nicht von Prognosen, sondern von Projektionen.

Detlev Majewski, der Chef-Modellierer des Deutschen Wetterdiensts DWD, erläuterte das eindrucksvolle Netzwerk an meteorologischen Mess-Stationen, welches sich mittlerweile um die gesamte Erde spannt, mit einer Maschengrösse von nur 13 Kilometern – flächendeckend rund um den Globus bis in die Stratosphäre hinauf. Aus diesen über 150 Millionen Daten pro Tag werden die Wettervorhersagen berechnet, grossteils vollautomatisch. Durch die enorme Verbesserung der Datengüte sind Wetterprognosen zu Beginn der 2020er-Jahre für die kommenden fünf Tage so exakt wie noch in den 1980er-Jahren für den nächsten Tag. Als grösste Gefahr sieht Majewski, dass totalitäre Regierungen den freien und kostenlosen Datenaustausch zwischen den Nationen und damit das weltweite Informationsnetz beschränken könnten.

Der bekannte Zukunftsforscher Matthias Horx berichtete schliesslich in seinem Abendvortrag aus seinen Erfahrungen aus 25 Jahren Trend- und Zukunftsforschung. So haben die meisten Menschen in Bezug auf die Zukunft ein Unschärfebedürfnis. Zwar lässt sich beispielsweise mit der Gottman-Methode die Dauer einer Ehe sehr gut prognostizieren. Aber die wenigsten Menschen wollen das wissen. Deshalb zitiert man auch lieber die grossen Köpfe, welche mit ihren Vorhersagen falsch gelegen sind, als sich der vielen erstaunlich korrekten Zukunftsentwürfen der Vergangenheit zu erinnern. Die Aufgabe der Zukunftsforschung sieht er deshalb auch nicht im Erstellen von exakten Prognosen, sondern im Sinne eines «humanistischen Futurismus» vielmehr darin, die Zukunft als Erzählung zu gestalten, welche uns hilft, voranzukommen.

Am Morgen des zweiten Tages startete Rainer Sachs, Experte für Rückversicherung, mit erkenntnisreichen Einblicken in die Massenpsychologie des Risikobewusstseins. So werden sehr seltene Extremfälle wie Flugzeugabstürze als viel gefährlicher angesehen als deutlich wahrscheinlichere Ereignisse wie Autounfälle oder Herzinfarkt. Sachs stellte den «Emerging Risk Radar» vor, mit welchem in der Rückversicherung mögliche Gefahrenszenarien und deren Wahrscheinlichkeit eingeschätzt werden. In der Praxis ist der Faktor Mensch dann aber doch der Grund, warum Entscheidungen nicht rational fallen. Vom Gruppenzwangdenken oder der Angst vor karrieregefährdenden Schritten bis zur «Willful Blindness», dem willentlichen und bequemen Nichtwissen von unbequemen Fakten, reichen hier die Verhinderungsmechanismen.

Wolfgang Kiessling, Professor für Paläoumwelt an der FAU Erlangen, führte in die faszinierende Welt der Tiefenzeit ein. Damit ist die geologische Zeitskala gemeint, welche die Erdgeschichte in verschiedene Zeitabschnitte einteilt. Aus den Mustern dieser vergangenen Jahrmillionen lassen sich Rückschlüsse auf die künftigen Jahrmillionen machen. So folgt die geografische Ausbreitung der meisten Tierarten im Zeitverlauf einer symmetrischen Kurve. Hat diese ihren Höhepunkt überschritten, lässt sich daraus auch der Zeitpunkt des künftigen Aussterbens berechnen. Die bisherigen Massenaussterben waren stets durch Klimawandel bedingt. Nach Vulkanausbrüchen und Meteoriteneinschlägen ist der aktuelle Klimawandel erstmals vom Menschen gemacht. Bis ins Jahr 2100 wird dadurch die habitable Zone mit der grössten Artenvielfalt, der Äquatorgürtel, nahezu unbewohnbar (RCP8.5).

Der bekannte Wahlforscher Günther Ogris kam direkt von den Parlamentswahlen in der Ukraine, wo sein Institut SORA für die offizielle Hochrechnung zuständig war. SORA sind international für ihre präzisen Prognosen legendär. So erzielten sie in Österreich bei 12 von 14 Wahlen die beste Hochrechnung. Die durchschnittliche Abweichung vom Endergebnis liegt unter 0,5 %. Dazu aggregiert SORA alle Wahlgemeinden eines Landes zu Clustern, welche in den vergangenen Wahlen ein ähnliches Wahlverhalten gezeigt haben, auch wenn sie sich demografisch oder geografisch komplett unterscheiden. Statistische Regeln werden dabei über Bord geworfen, wenn die Erfahrung das erfordert. Als Erfolgsgeheimnis nannte Ogris, sich selbst und seine Methode permanent zu hinterfragen und bei Problemen den Fehler zuerst bei sich zu suchen.

Hansjörg Neth vom Institut für Sozialpsychologie und Entscheidungsforschung an der Universität Konstanz betrachtete Vorhersagen schliesslich durch die psychologische Brille. So könnten Risikowahrscheinlichkeiten von medizinischen Tests selbst von vielen Ärzten nicht richtig interpretiert werden. Da gerade in Krankenhäusern Entscheidungsprozesse aber oft sehr schnell gehen müssen, wurde auf Basis der «Fast-and-frugal-trees» (FFT), einer speziellen Art von Klassifizierungsbäumen, ein Entscheidungsinstrument entwickelt. Es zerlegt den komplexen Diagnoseprozess hierarchisch in die wichtigsten Parameter. Diese werden in einfache Ja-Nein-Fragen verpackt, sodass der Arzt mit einem Standardfragebogen in sehr kurzer Zeit eine überwiegend richtige Diagnose erstellen kann.

In den regen Diskussionsrunden zwischen den Vorträgen wurden einige Gemeinsamkeiten der modernen Zukunftswissenschaften offensichtlich. So ist die wichtigste methodische Grundlage der meisten Disziplinen heute die Datenanalytik. Ohne aufwendige Armadas von Messgeräten und komplexen Algorithmen lassen sich Prognosen kaum noch bewerkstelligen. Die Prognosequalität hängt also massgeblich von der Grösse der Teams und Budgets ab.

Dennoch ist Bescheidenheit eingekehrt. War man in vergangenen Jahrzehnten durch Hoffnungsträger wie Supercomputer, Genetik oder Gehirnforschung noch in der Euphorie, bald alles berechnen zu können, so ist man sich heute der Aussagegrenzen über komplexe Systeme bewusst. Statt mit Vorhersagen arbeitet man lieber mit Szenarien und Wahrscheinlichkeiten. Inwieweit der Wahrsager irgendwann vollkommen vom Programmierer ersetzt werden kann, wird die Zukunft weisen.

 
Referenten, von links: Hansjörg Neth, Detlev Majewski, Rainer Sachs, Nazar Rasul, Wolfgang Kießling,
Michael Lackner, Matthias Horx, Corinna Mayerl, Christof Niederwieser, Thomas Mölg
(Foto: Alanah Marx / Max Kruse / IKGF)

 


Dr. Christof Niederwieser, Studium «Internationale Wirtschaftswissenschaften» (Uni Innsbruck), Managementtätigkeit in der Musikbranche; über 20 Jahre astrologische Forschung, Entwicklung neuer Deutungstechniken (Gruppenhoroskop u. a.); seit 2014 astrologische Unternehmensberatung; Leiter des Studiengangs Wirtschaftsastrologie, zahlreiche Publikationen (u. a. Buchreihe über Prognostik), Vorträge und Seminare (Website: www.astro-management.com)

 

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