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Einige Thesen und Zitate zum Thema «Astrologie und Wissenschaft» (Update 4.1.2019)

Update zur Zusammenstellung von Claude Weiss, Präsident des Schweizer Astrologenbundes SAB. Erschienen in Astrologie Heute Nr. 73 (Juni/Juli 1998) im Anschluss an eine Diskussion zwischen Astrologen und Gegnern der Astrologie im Planetarium des Verkehrshauses Luzern.

1. Sind Wissenschaftler kompetent, um sich unvoreingenommen über den Wahrheitsgehalt der Astrologie auszusprechen?

Es gibt solche Wissenschaftler, wobei sie die besten Voraussetzungen mitbringen, wenn sie zugleich Philosophen sind und damit auch bereit sind, über das System der Naturwissenschaften zu reflektieren. Am ehesten finden wir diese Qualitäten bei modernen Physikern. So betont beispielsweise Werner Heisenberg, dass wissenschaftliche Erkenntnis nur auf beschränkte Bereiche der Erfahrung anwendbar ist. Erkenntnisse der modernen Physik weisen darauf hin, dass wir nicht mehr über die Natur als Objekt sprechen können, ohne über uns selbst zu sprechen. Heisenberg dazu:

«Auch in der Naturwissenschaft ist also der Gegenstand der Forschung nicht mehr die Natur an sich, sondern die der menschlichen Fragestellung ausgesetzte Natur, und insofern begegnet der Mensch auch hier wieder sich selbst … Insofern hat man auf eine seit Jahrhunderten übliche Art der Naturbeschreibung verzichtet, die noch vor wenigen Jahrzehnten als das selbstverständliche Ziel aller exakten Naturwissenschaften gegolten hätte.»1

Ähnliche Relativierungen finden wir beim Physiker und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker, der darauf hinweist, dass die moderne Naturwissenschaft nur ein Spezialfall von vielen Erklärungsmöglichkeiten darstellt: «Die Natur ist früher als der Mensch, aber der Mensch ist früher als die Naturwissenschaft.»

Leider fehlt diese differenzierte Betrachtungsweise bei vielen Wissenschaftlern und insbesondere Astronomen. Diese versuchen auch häufig den Eindruck zu erwecken, die Astrologen arbeiteten mit dem falschen Tierkreis, weil sie sich auf den astrologischen Tierkreis beziehen, welcher am Frühlingspunkt mit 0 Grad Widder zusammenfällt und nicht, wie von den Astronomen angeregt, mit den Sternbildern, die vor 2500 Jahren mit den Tierkreiszeichen zusammenfielen.

Die meist beobachtete Unwissenheit der Astronomen im Hinblick auf die Arbeitsweise der Astrologen beanstandete bereits der frühere Astronom und langjährige Leiter der Volkssternwarte in Nürnberg, Professor Wilhelm Hartmann, in seinem Buch Mensch und Stern: «Wer sich als Gegner der (richtig verstandenen) Astrologie nur einmal wenige Wochen – anhand seines eigenen Geburtsbildes – [mit ihr] beschäftigt, ist kein Gegner mehr! Woraus also folgen müsste, dass es Gegner, die sich einmal praktisch mit der Ausdeutung laufender Konstellationen an Geburtsbildern beschäftigt haben, nicht gibt! Und das ist wieder eine überraschende Feststellung! Ich habe Hunderte von Gegnern kennengelernt. Fragte man sie aber, ob sie selbst schon einmal sich praktisch mit Geburtsbildern befasst hätten, so stellte sich wiederum heraus, dass sie keine blasse Ahnung hatten.»2

Um den Unterschied zwischen Astrologie und Astronomie zu verstehen, muss man sich klar werden, dass die westlichen Naturwissenschaften und die Astrologie auf unterschiedlichen Erklärungssystemen, anderen Paradigmen beruhen. So funktioniert die Naturwissenschaft auf der Basis eines kausalen Ursache-Wirkung-Denkens, während die Astrologie Analogien und Synchronizitäten postuliert, nach dem Motto «wie oben, so unten». Da viele Naturwissenschaftler sich durch die Astrologie in ihrem Weltbild und Erklärungsmodell (ihren Paradigmen) angegriffen fühlen, reagieren sie häufig irrational auf die Astrologie. Damit werden sie aber zur Partei und büssen die Fähigkeit ein, astrologische Phänomene unvoreingenommen zu untersuchen. Eine Diskussion über Astrologie kann deswegen von seiten solcher Naturwissenschaftler nicht neutral geführt werden. Da es bei der Astrologie und der Naturwissenschaft um verschiedene Modelle geht, wären höchstens Wissenschaftsphilosophen und Wissenschaftstheoretiker zuständig, um die erforderliche überbauende Meta-Position einzunehmen.

Aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang die Studien von Thomas S. Kuhn von der Universität Berkeley, der sich in seinem Buch Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen mit dem naturwissenschaftlichen Vorgehen befasst. Er zeigt darin auf, dass dieses nicht in erster Linie darauf ausgerichtet ist, die Natur zu beschreiben, sondern die Hauptaufgabe des Naturwissenschaftlers darin besteht, Daten zu sammeln, welche helfen, eine von der Gemeinschaft der Naturwissenschaftler akzeptierte Theorie zu bestätigen, zu artikulieren oder auf neue Gebiete auszuweiten. Gemäss Kuhn sucht der Wissenschaftler nach Antworten, welche direkt mit der Methode, die er anwendet, verknüpft sind. Dabei ist auch wichtig, wie ein Wissenschaftler sein Wissen erlernt: durch eine Theorie, die an Methoden und Beispiele gebunden ist. Der Wissenschaftler wächst in einem Klima auf, das von gemeinsamen Überzeugungen der wissenschaftlichen Gemeinschaft geprägt ist. Diese sind a-priorischer Art und – streng genommen – nicht beweisbar. Es gibt keine normale wissenschaftliche Forschung, die nicht auf der Basis von grundsätzlich nicht-beweisbaren, allgemeinen Überzeugungen beruhen würde. Diese sind von der jeweiligen Epoche abhängig und werden von Kuhn Paradigmen genannt.

«Wir haben jedoch schon gesehen, dass eines der Dinge, die eine wissenschaftliche Gemeinschaft mit einem Paradigma erwirbt, ein Kriterium für die Wahl von Problemen ist, von welchen – solange das Paradigma nicht in Frage gestellt wird – vermutet werden kann, dass sie eine Lösung haben. In weitem Masse sind dies die einzigen Probleme, welche die Gemeinschaft als wissenschaftlich anerkennt oder welche in Angriff zu nehmen sie ihre Mitglieder ermutigt. Andere Probleme, einschliesslich vieler, die früher Norm gewesen waren, werden als metaphysisch abgelehnt, als Angelegenheit einer anderen Disziplin betrachtet oder manchmal einfach für zu problematisch gehalten, um Zeit daran zu verschwenden.»3

«Wenn einmal ein erstes Paradigma für die Betrachtung der Natur gefunden worden ist, gibt es nicht mehr so etwas wie Forschung ohne Paradigma. Ein Paradigma ablehnen, ohne gleichzeitig ein anderes an seine Stelle zu setzen, heisst die Wissenschaft selbst ablehnen. Es ist ein Schritt, der nicht auf das Paradigma, sondern auf den Menschen zurückfällt, der ihn tut. In den Augen seiner Kollegen erscheint er unvermeidlich als ‹der Zimmermann, der seinem Werkzeug die Schuld gibt›.»3

Zu Diskussionen zwischen Vertretern verschiedener Paradigmen meint Kuhn folgendes:

«Wenn Paradigmata in eine Diskussion über die Wahl von Paradigmata eingehen – und sie müssen es ja –, dann ist ihre Rolle notwendigerweise zirkulär. Jede Gruppe verwendet ihr eigenes Paradigma zur Verteidigung eben dieses Paradigmas. Der sich ergebende Zirkel macht die Argumente natürlich nicht falsch oder auch nur unwirksam. Derjenige, der ein Paradigma voraussetzt, wenn er es verteidigt, kann trotzdem eine klare Darstellung davon geben, wie die wissenschaftliche Praxis für jene aussehen wird, welche die neue Naturanschauung annehmen. Diese Darstellung kann sehr überzeugend sein, oft sogar zwingend. Und doch: Wie stark sie auch sein mag, dieses im Kreis gehende Argument hat nur den Status eines Überredungsversuches. Es kann nicht logisch oder auch nur probabilistisch zwingend gemacht werden für jene, die sich weigern, in diesen Kreis einzutreten.»3

Diese Tatsache veranlasste den Physiker Max Planck zu folgender Aussage:

«Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, dass ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, dass die Gegner allmählich aussterben und dass die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht wird.»4

Die Intoleranz traditioneller wissenschaftlicher, insbesondere astronomischer Kreise gegenüber der Astrologie geht aus den Worten J. Allan Hyneks, damaliger Chef des Department of Astronomy an der Northwestern University, hervor. In seinem Vorwort zu einem der Bücher der Gauquelins (1978) schrieb er: «Es geschieht mit erheblichem Zögern …, dass ich dieses Vorwort schreibe, weil es offenbar genügt, einen Astronomen aus der Gemeinschaft der Wissenschaftler auszuschliessen, wenn er sich mit etwas beschäftigt, das auch nur entfernt mit Astrologie zusammenhängt.»5 Dies veranlasste Hans Jürgen Eysenck, Professor für Psychologie an der Universität London, zu folgender Aussage:

«Vor diesem Hintergrund offener Feindseligkeit gegenüber neuen Ideen und Experimenten mussten aufgeschlossene Wissenschaftler kämpfen, wenn sie der Frage nach dem Wahrheitsgehalt der Astrologie nachgehen wollten. Sie mussten oft sogar ihr Recht verteidigen, auf diesem Gebiet zu forschen. Die Folge war, dass es etablierten Wissenschaftlern oftmals das Beste zu sein schien, nichts zu sagen, statt Hohn und Spott auf sich zu nehmen. Nur wenige hatten den Mut zuzugeben, dass ‹etwas daran sein könnte›.»6

Auch vier Jahrzehnte später hat sich an dieser Situation nichts geändert.

 

2. Konsequenzen des Festhaltens von Wissenschaftlern an ihren Paradigmen im Umgang mit Astrologie

Um an ihren Paradigmen festzuhalten, versuchen Wissenschaftler, Informationen, die ihr Paradigma in Frage stellen würden, mit allen Mitteln auszuschalten. Dies gilt auch dann, wenn sie vorgeben, Forschungsresultate neutral zu überprüfen.

Ein Musterbeispiel für dieses Verhalten zeigt der Umgang wissenschaftlicher Kreise mit den Forschungsergebnissen von Michel und Françoise Gauquelin, welche in umfangreichen statistischen Untersuchungen Zusammenhänge zwischen Planetenstellungen im Moment der Geburt und Profilierung in verschiedenen Berufen fanden, die, wie die Untersuchungen zeigten, gemäss der astrologischen Tradition dem jeweiligen Beruf entsprechen (Mars für Sportler und Militärpersonen, Saturn für Wissenschaftler, Jupiter für Schauspieler und Politiker usw.). Professor Eysenck, der als neutraler Beobachter die ganze Kontroverse im Detail verfolgt hat, kam zu folgendem Schluss:

«Ehe wir zu unserer zusammenfassenden Beurteilung der Arbeiten kommen, die von den Gauquelins beschrieben werden, möchten wir ein paar Worte über ihre Kritiker sagen, besonders über diejenigen mit naturwissenschaftlicher Ausbildung. Wir haben festgestellt, dass die Kritiker keineswegs die Objektivität erkennen liessen, die man allgemein von der Wissenschaft erwartet, sondern dass sie alles daransetzten, um Voreingenommenheit, Vorurteil und Feindseligkeit zu demonstrieren. Vieles im Verhalten der Kritiker war moralisch nicht vertretbar. So entschied sich – um nur ein Beispiel anzuführen – die belgische Kommission Para, die die Ergebnisse Gauquelins widerlegen wollte, gegen die Veröffentlichung ihres vollständigen Berichts, als sich zeigte, dass dessen Befunde für die Gauquelins sprachen. Dies ist ein sehr ungewöhnliches Verhalten im wissenschaftlichen Diskurs.»6 Und weiter:

«Wir haben sorgfältig die Argumente im Zusammenhang mit der statistischen Beurteilung und der Planung der Experimente geprüft und haben mit grossem Interesse die Auseinandersetzung zwischen den Gauquelins und ihren Kritikern über verschiedene Punkte verfolgt. Wir sind zu der definitiven Schlussfolgerung gelangt, dass diese Kritiker oft irrational und in wissenschaftlich unzulässiger Weise argumentiert haben, dass sie Prinzipien verletzten, die sie selber aufgestellt hatten, dass sie die Gauquelins we- der über Details durchzuführender Tests konsultierten noch über wichtige Punkte der Ergebnisse informierten. Ähnliche Versäumnisse haben wir bei den Gauquelins nicht festgestellt, die sich offenbar gelassen, rational und wissenschaftlich akzeptabel verhalten haben, die auf Kritik dadurch eingingen, dass sie das Material auf angemessene Weise nochmals analysierten, dass sie neue Daten sammelten, wie mühsam das Verfahren auch sein mochte, und dass sie sachlich argumentierten. Wir glauben nicht, dass die Gemeinschaft der ‹Wissenschaftler› mit vielen Lorbeeren aus dieser Gegenüberstellung hervorgeht.»6

Das Bedürfnis, die Astrologie grundsätzlich zu verwerfen, welches diesem Vorgehen zugrundezuliegen scheint, hat ein bekannter französischer Biologe, Jean Rostand, unverblümt, aber auch ehrlich zum Ausdruck gebracht: «Wenn die statistische Methode die Astrologie beweisen sollte, dann glaube ich nicht mehr an die Statistik.» Etwas differenzierter drückt sich der Astronom Abell aus (1979), der sich gemäss Eysenck als einer der wenigen mit der Forschungslage vertraut gemacht hat. Er kommt zum Schluss, dass «Gauquelins Befunde ein anomales Resultat darstellen, das in dem Masse unbestätigt bleibt, das notwendig wäre, damit man es als wissenschaftliche Tatsache akzeptieren könnte.»5 Eysenck dazu: «Stünden die Ergebnisse im Einklang mit einer bereits gesicherten Theorie, gäbe es weiter kein Problem. Die Beweisaufnahme ist fast vollständiger als für jeden Forschungsbereich der Psychologie. Nur wegen der besonderen Natur der Befunde, die Planeteneinflüsse herbeizubeschwören scheinen, wie sie von der Wissenschaft nicht anerkannt sind, verlangt man mehr schlagkräftige Beweise.»6

Die Kontroverse ist nicht abgeflaut. In einem Buch aus dem Jahre 1996 The Tenacious Mars-Effect, das er zusammen mit Kenneth Irving verfasste, schreibt Suitbert Ertel, Professor für Psychologie an der Universität Göttingen, in seinem Vorwort:

«Was ist an uns Wissenschaftlern falsch? Wir, die die Behauptungen Gauquelins, welche er bereits 1955 vorgebracht hat, während vier Jahrzehnten abwimmelten. Ich selbst brauchte die ganze Zeitspanne von 1975 bis 1985, um meine Abscheu gegenüber der Vorstellung, dass ein nebulöser Aberglaube durch exakte Statistiken nachgewiesen worden sein könnte, zu überwinden. Was hinderte mich daran, die Ergebnisse von Gauquelins Laboratoire de Rythmes Cosmiques et Psychophysiologiques – ein beeindruckendes Zeugnis seiner und seiner ersten Frau engagierten wissenschaftlichen Arbeit – ernster zu nehmen. Was veranlasste die Skeptiker-Organisationen in Belgien, Amerika, Frankreich und in den Niederlanden, scharfe Wächter unserer wissenschaftlichen Tätigkeit, dazu, stümperhaft mit der Herausforderung planetarischer Korrelationen umzugehen. Ich bin zum Schluss gekommen, dass das Drama im Zusammenhang mit dem Mars-Effekt symptomatisch ist. Es scheint auf die Täuschungen einer schleichenden Pseudo-Rationalität hinzuweisen, der die meisten Mitglieder unserer wissenschaftlichen Institutionen erliegen.»7

Diese Vorgänge bedürfen einer noch vorzunehmenden psychologischen Analyse der Abwehrmechanismen von Wissenschaftlern in Situationen, in denen sie ihr Paradigma bedroht sehen. Man kann nicht anders, als an die Aussagen C. G. Jungs erinnert zu werden, als er sich in seinem Werk Typologie mit der minderwertigen Fühlfunktion des intellektuellen Typus auseinandersetzte:

«Je stärker die Gefühle verdrängt sind, desto schlimmer und heimlicher beeinflussen sie das Denken, das sonst in tadelloser Verfassung sein kann. Der intellektuelle Standpunkt, der vielleicht um seines ihm tatsächlich zukommenden Wertes willen auf eine allgemeine Anerkennung Anspruch erheben dürfte, erfährt durch den Einfluss der unbewussten persönlichen Empfindlichkeit eine charakteristische Veränderung: Er wird dogmatisch-starr. Die Selbstbehauptung der Persönlichkeit wird auf ihn übertragen. Die Wahrheit wird ihrer natürlichen Wirkung nicht mehr überlassen, sondern durch die Identifikation des Subjektes mit ihr wird sie behandelt wie ein empfindsames Püppchen, dem ein böser Kritiker ein Leid angetan hat. Der Kritiker wird heruntergerissen, womöglich noch mit persönlichen Invektiven, und kein Argument ist unter Umständen schlecht genug, um nicht verwendet zu werden. Die Wahrheit muss vorgeführt werden, bis es dem Publikum anfängt klar zu werden, dass es sich offenbar weniger um die Wahrheit als um ihren persönlichen Erzeuger handelt.»8 Und weiter:

«Obschon die Vernunft selber beweist, dass jede intellektuelle Formel nur eine beschränkt gültige Wahrheit sei und deshalb niemals einen Anspruch auf Allgemeinherrschaft erheben kann, so nimmt die Formel praktisch doch ein solches Übergewicht an, dass alle anderen Standpunkte und Möglichkeiten neben ihr in den Hintergrund treten … Sie tritt daher auch an die Stelle jener allgemeinen Anschauung, die man als Religion bezeichnet. Dadurch wird die Formel zur Religion, auch wenn sie dem Wesen nach nicht im geringsten mit etwas Religiösem zu tun hat. Damit gewinnt sie auch den der Religion wesentlichen Charakter der Unbedingtheit. Sie wird sozusagen zum intellektuellen Aberglauben.»8

Ein weiteres Beispiel solcher wissenschaftlicher Unwissenschaftlichkeit liefert die feurige Stellungnahme gegen die Astrologie, welche 1975 von 186 führenden Wissenschaftlern – darunter 19 Nobelpreisträgern – unterschrieben und im amerikanischen Wissenschaftsmagazin The Humanist veröffentlicht wurde. Als ein Vertreter der BBC einige der Nobelpreisträger interviewen wollte, lehnten sie mit der Bemerkung ab, sie hätten von der Astrologie keine Ahnung, was sie allerdings nicht daran hinderte, die Astrologie öffentlich zu verfluchen. Paul Feyerabend, Wissenschaftstheoretiker, damals Professor an der Universität Berkeley und später an der ETH Zürich, dazu:

«Wir sehen, das Urteil der ‹186 führenden Wissenschaftler› ruht auf einer vorsintflutlichen Anthropologie, auf einer Unkenntnis neuer Resultate in ihren eigenen Wissenschaften (Astronomie, Biologie, Verbindung zwischen den beiden) sowie auf der Unfähigkeit, die Implikationen von Resultaten zu sehen, die sie kennen. Es zeigt, wie oft Wissenschaftler ihre Autorität selbst dann einsetzen, wenn sie nichts wissen.»9

Es verdient jedoch Erwähnung, dass nicht alle Wissenschaftler bereit waren, dieses Manifest zu unterschreiben. In einem Brief an den Herausgeber der Zeitschrift The Humanist erklärte der berühmte Wissenschaftler Carl Sagan seine Weigerung:

«Ich sehe mich ausserstande, der Erklärung ‹Einwände gegen die Astrologie› zuzustimmen – nicht, weil ich das Empfinden hätte, die Astrologie habe auch nur den geringsten wissenschaftlichen Wert, sondern weil ich den Eindruck hatte und habe, dass der Tonfall der Erklärung autoritär ist. Das Hauptproblem ist nicht, dass die Astrologie aus dem Aberglauben entstanden ist. Dies trifft auch für die Chemie, Medizin und Astronomie zu, um nur drei Fächer zu erwähnen. Die Erörterung der psychologischen Motivation derjenigen, die an Astrologie glauben, scheint im Hinblick auf die Frage nach ihrer wissenschaftlichen Geltung ganz peripher zu sein. Dass wir uns kein System denken können, nach dem die Astrologie funktioniert, ist bedeutsam, aber nicht überzeugend. Beispielsweise war kein Schema der Kontinentalverschiebung bekannt, als Wegener sie zur Debatte stellte. Dennoch erkennen wir, dass Wegener recht hatte, diejenigen hingegen Unrecht, die aufgrund eines noch nicht beweisbaren Denkmodells Einwände erhoben.

Urteile über Grenz-, Volks- oder Pseudo-Wissenschaft, die in einem autoritären Tonfall vorgetragen werden, können mehr schaden als nützen. Sie überzeugen diejenigen, die mit Pseudo-Wissenschaft kokettieren, nicht, sondern bestärken sie womöglich noch in ihrem Eindruck, dass Wissenschaftler unflexibel und engstirnig seien …»5

Paul Feyerabend zieht aus dem Ereignis folgende Schlüsse:

«Die Stellungnahme der Wissenschaftler hat der Astrologie keinen grossen Schaden angerichtet … Ich erwähne die Astrologie nicht darum, weil sie unter dem Angriff der Wissenschaft besonders leidet, sondern weil der Fall uns sehr deutlich zeigt, was man von einer ‹wissenschaftlichen› Kritik zu halten hat, und ich fordere den Leser auf, die Lektion nicht zu vergessen, wenn er ‹wissenschaftliche› Angriffe auf die Akupunktur, die Kräutermedizin, das Handauflegen hört, wenn er die Urteile ‹hervorragender Wissenschaftler› über die Atomkraft und die Sicherheit von Kraftwer- ken liest, oder wenn man ihm erzählt, dass es ‹unwissenschaftlich› ist, sich auf Intuitionen zu verlassen, eine Seele anzunehmen und dergleichen mehr. Man kann sich auf die Wissenschaftler einfach nicht verlassen. Sie haben ihre eigenen Interessen, die ihre Deutung der Evidenz und der Schlüssigkeit dieser Evidenz färben, sie wissen nur sehr wenig, geben aber vor, weitaus mehr zu wissen, sie verwenden Gerüchte, als handle es sich um wohlbestätigte Tatsachen, fromme Wünsche, als handle es sich um grundlegende ‹Prinzipien› des wissenschaftlichen Denkens, und selbst sehr detaillierte Forschungsergebnisse beruhen auf Annahmen, die die Wissenschaftler oft nicht kennen und deren Inhalt und Reichweite sie nicht verstehen. Es ist natürlich wahr, dass wir den Wissenschaften grossartige Entdeckungen verdanken. Aber daraus folgt nicht, dass es so etwas wie ein ‹wissenschaftliches Denken› gibt, das diese Entdeckungen zustande brachte, und noch viel weniger, dass die angeblichen Treuhänder dieses mythischen ‹wissenschaftlichen Denkens› die Welt, die Gesellschaft, die Menschen besser verstehen als andere Bürger.»9

Zum Schluss sei daran erinnert, wie die Materialisten des 18. Jahrhunderts die Welt sahen, denn man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieses Weltbild in den Köpfen vieler «fundamentalistischer» Wissenschaftler weiter herumgeistert. In seinem Buch Der Mensch – eine Maschine schrieb Julien Offray de la Mettrie (1709–51) – nebenbei bemerkt ziemlich genau einen Plutozyklus früher – folgendes:

«Kommt es nicht vor, dass der eine versteht, ohne nachsprechen zu können, was er versteht (wenigstens, wenn erst einige Zeit nach einem Schlaganfall vorüber ist), und dass ein anderer, der nichts auffasst, dessen Zungennerven im Gehirn aber frei sind, maschinenmässig alle Träume, die ihm durch den Kopf gehen, erzählt? Solche Erscheinungen können aufgeklärte Ärzte durchaus nicht überraschen. Sie wissen, woran sie sich in bezug auf die Natur des Menschen zu halten haben; von zwei Ärzten ist, nebenbei bemerkt, immer derjenige der bessere und vertrauenswürdigere, der in der Physik oder in der Mechanik des menschlichen Körpers bewandert ist und die Seele und alle die Besorgnisse, die dieses Hirngespinst den Narren und Nichtwissern einflösst, beiseite liegen lässt und sich nur um die reinen Naturwissenschaften bekümmert …»10

Gemäss diesem Weltbild wird alles auf die Materie reduziert, alles ist erklärbar, seelische und geistige Prozesse sind entweder Hirngespinste oder Glaubenssache.

3. Konsequenzen für das Verhalten von Astrologen im Umgang mit «fundamentalistischen» Wissenschaftlern

Da ausschliesslich rationalistisch orientierte Wissenschaftler ein mehr oder weniger absolutes Bedürfnis haben, ihr kausales Weltbild zu verteidigen, ist es auch mit noch so ausgeklügelten Versuchsanordnungen nicht möglich, sie von irgendwelchen Zusammenhängen zwischen Planetenstellungen und psychologischen Faktoren oder Geschehnissen auf der Erde zu überzeugen. Die Erfahrung von mehr als 40 Jahren solcher Versuche zeigt, dass Forschern (meist Nichtastrologen), die sich dieser Aufgabe widmeten, ständig neue Auflagen gemacht wurden, um das Eingeständnis von Zusammenhängen möglichst lange aufschieben zu können. Wie neutrale Forscher, die sich mit dem Thema beschäftigt haben, so zum Beispiel die Psychologieprofessoren Eysenck und Ertel, aber auch der Soziologieprofessor der Eastern Michigan University, Marcello Truzzi, und der an Replikationsversuchen beteiligte Astronom Dennis Rawlins aufzeigen, wurden Kontrollversuche regelmässig darauf angelegt, Resultate, die auf astrologische Zusammenhänge hinweisen, zu widerlegen, während positive Ergebnisse entgegen existierenden Abmachungen nicht veröffentlicht wurden. Dies führt zu einer endlosen Kontroverse, die bis heute aus begreiflichen Gründen nicht verstummt. Seit dem Tod von Michel Gauquelin wird von seiten der GWUP e.V. (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V.) sogar versucht, die Diskussion als abgeschlossen und astrologische oder kosmologische Zusammenhänge als widerlegt zu betrachten. Astrologen und Publikum sollten sich von solchen nicht zulässigen Behauptungen nicht beeindrucken lassen. Tatsache ist, dass die Weiterführung der Diskussion in vollem Gange ist.

Von astrologischer Seite besteht demgemäss keine Veranlassung zur Verunsicherung. Es stellt sich aber auch die Frage, ob unter den vorliegenden Umständen eine weitere Diskussion mit «fundamentalistischen» Kritikerkreisen überhaupt sinnvoll erscheint. Viele werden sich lieber dazu entscheiden, mit ihrer Arbeit fortzufahren, statt ihre Energie in Diskussionen, die sich in einem der Materie nicht angebrachten Referenzrahmen bewegen, zu vergeuden. Sie werden es bevorzugen, ihre Kräfte dazu einzusetzen, interessierten Klienten und Schülern astrologische Zusammenhänge nahe zu bringen. Ihre Situation lässt sich mit folgendem Bild beschreiben: Ist man zum Punkt gekommen, dass man eine Sprache versteht (in diesem Fall die astrologische Sprache), wird man sich nicht damit herumschlagen wollen, durch komplizierte Versuchsanordnungen nachzuweisen, dass die Buchstaben, die zu Wörtern gruppiert sind, nicht zufällig aneinandergereiht sind, sondern ihre Reihenfolge statistisch signifikant bestimmten Gesetzmässigkeiten folgt. Man wird lieber den Text lesen und andere darüber unterrichten, wie sie selbst zum Verständnis dieser Sprache kommen.

Im Moment, wo genügend Menschen die neue Sprache verstehen, wird es dann ganz automatisch zum Paradigmenwechsel kommen. Ähnliche Prozesse finden bekanntlich auch auf anderen Gebieten – in der Medizin beispielsweise beim Konflikt zwischen Homöopathie und Schulmedizin – statt.

Fussnoten

1 Werner Heisenberg: Das Naturbild der heutigen Physik, 1955.

2 Zitiert in Paul Jungschlaeger: Astrologie heute – Stimmen der Wissenschaft, 1980.

3 Thomas S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, 1973.

4 Max Planck: Wissenschaftliche Autobiographie, 1928.

5 Zitiert in Eysenck/Nias: Astrologie – Wissenschaft oder Aberglaube, 1982.

6 Hans Jürgen Eysenck, D.K.B. Nias: Astrologie – Wissenschaft oder Aberglaube, 1982.

7 Suitbert Ertel & Kenneth Irving: The Tenacious Mars-Effect, 1996.

8 C. G. Jung: Typologie, 1972.

9 Paul Feyerabend: Erkenntnis für freie Menschen, 1979.

10 Julien Offray de la Mettrie: Der Mensch – eine Maschine, Übersetzung Max Brahm, 1909.

Hinweis
Mehr Informationen zu diesem Thema finden Sie im Buch "Astrologie – Eine Wissenschaft von Raum und Zeit" von Claude Weiss (Edition Astrodata).

 

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